Unwort des Jahres
Guten Tag,
für die Wahl des Unworts möchte ich gerne das Konstrukt ”unter den Rettungsschirm schlüpfen” vorschlagen – eine perfide Wortschöpfung nach dem Prinzip des Antischalls.
Politik und Medien verwenden sie im Sinne eines Regenschirms, der “angeschlagenen Instituten” und ganzen Ländern Unterschlupf bietet. Als wäre ihre Situation vergleichbar mit Niederschlag.
Per Definintion sollen Rettungsschirme einen Absturz verhindern, wenn andere Systeme versagt haben. Wenn er zum Einsatz kommt, hängt das Überleben sprichwörtlich am seidenen Faden.
Es handelt sich zudem um eine präventive Sicherheitsmaßnahme. Niemand kann in einer Notsituation herbeieilen, um einen ”Rettungsschirm aufzuspannen”, unter den es sich dann “schlüpfen” ließe.
Hier wird verschleiert, daß dieser Rettungsschirm erst kurz vor dem Aufprall genäht wurde, weil für den Notfall eben keine Mechanismen vorgesehen waren.
Das “schlüpfen” neutralisiert die Gefahr und verleiht ihr eine unangemessene Beiläufigkeit. Der Platz unterm Rettungsschirm gerät zur jovialen Gefälligkeit, die Bedrohung wird verharmlost – auch die eigene.
Offenbar möchte man die Bevölkerung von der Rettung abschirmen.
Danke, daß Sie mit Ihrer Wahl Unwörter ins rechte Licht rücken!
Viele Grüße, Stefan Rudersdorf
PS: Es würde mich brennend interessieren, unter welchen Namen der “Rettungsschirm” in anderen Ländern bekannt ist.
Vorschläge für die Wahl zum Unwort kann man (soweit ich weiß) noch bis 6. Januar an unwort@em.uni-frankfurt.de senden.