Nur aufmerksam lesen. Sonst bitte sein lassen
Zwischen 0.30 und 7.30 Uhr hat sich die Welt grundlegend verändert.
Ja, da passieren unglaublich wichtige Dinge! Zum Beispiel ist es wichtig zu wissen, wer Germany´s current Top Model geworden ist. Und da ich das eben nicht weiß, habe ich ein Informationsdefizit zu beklagen und weiß widerum nicht, wovon meine Freunde bei Twitter und Facebook reden. Das macht mich wahnsinnig wenn ich´s mir nicht bewusst mache. Da bist du schon ganz vorne mit dabei und weisst trotzdem nicht, daß um die Ecke eine TED-Konferenz stattfindet. Hab ich den falschen Feed abonniert? Bin ich falschen Vorbildern gefollowed? Wie konnte das passieren… der Hinterwald fängt gleich hinter dem nächsten Gedankensprung an.
Ich werde nicht locker lassen, mir eine Diät zu verschreiben und versuchen, nur die News durchlassen, die so heiß sind, dass sie auch nach zwei Tagen noch wichtig sind.
Alex, mit dem ich die Tage darüber gesprochen habe, konnte ich auf seine Frage, was denn den Reiz dieses ganzen Social Media Zeugs ausmacht, spontan keine passende Antwort geben.
Würde irgendwas, das ich bei Twitter schreibe, kommentiert oder diskutiert oder wenigstens “retweetet” (was ja auch eine gewisse Form der Zustimmung bedeutet), würde der Reiz vermutlich darin bestehen, daß Leute Anteil an meinen Gedanken nehmen und selbige durch Aufwändung ihrer geschätzten Zeit ehren, um dadurch vielleicht neue Perspektiven zu eröffnen. Aber das passiert mir recht selten und ich glaube, es wird auch gemeinhin überschätzt. Wie das Fernsehen, das im Amerika der sechziger Jahre endlich die wertvollen Informationen in die Ghettos tragen und zu einer neuen Wissensparität führen sollte.
Was viele an Twitter und Facebook reizt ist die Schwarmintelligenz. Ich persönlich glaube, daß die Schwärme nicht mehr Intelligenz hervorgebracht haben, als schon vorhanden war. Es stehen einfach nur sehr viel mehr Leute am Fluss und suchen nach Nuggets im Schlamm. Und so wird im Schlamm nicht selten etwas gefunden, das kurzerhand zu Gold deklariert wird, aber keines ist. Berge von Katzengold sammeln sich so an und vielen ist das egal, solange es nur glänzt.
Es ist unglaublich viel Arbeit, den ganzen Tag mit einem Sieb am Stream zu stehen und nach brauchbarem Ausschau zu halten. Weil man ständig entscheiden muß, ob da gerade etwas relevantes vorbeischwimmt oder nicht. Das hinterlässt das hohle Gefühl, viel getan aber wenig nennenswertes erzielt zu haben.
Man verabrede sich mal am Frankfurter Hauptbahnhof mit einem Kumpel, der über die Orientierungsfähigkeiten der 70er Jahre verfügt. Man stelle sich dann an den Kopf des Bahnsteiges um diesen Kumpel nicht zu verpassen und prüfe jedes vorbeilaufende Gesicht auf bekannte Züge, bis der Zug leer ist. Das ist unglaublich anstrengend.
Wenn man eine gewisse zeitlang diese schnellen, oberflächlichen Entscheidungen fällen musste, wird es immer schwieriger, zu unterscheiden ob es sich dabei um wichtiges handelt oder nicht. Und das ist die verdammte Seuche im Jahr 2011. EHEC geht vorbei, der Info-Overflow bleibt.
Ich persönlich verliere den Kampf gegen den Overflow öfter als ich ihn gewinne. Selbst, wenn ich mich mit dem Bewusstsein, daß da etwas falsch läuft, schon auf dem richtigen Weg wähne.
Konsum von Information ist eine passive Sache. Wenn der Tag endet und Du hast viele Informationen aufgenommen, hast Du vielleicht das oben erwähnte Gefühl, etwas getan zu haben. Aber das hast du nicht. Wir beschäftigen uns mehr damit, Informationen zu filtern und aufzunehmen als sie zu verarbeiten.
Du hast Tonnen guter Informationen aufgenommen. Aber was genau machst Du denn damit? Daran sollte sich der Wert einer Information bemessen. Wir beurteilen sie stattdessen daran, ob sie evtl. einmal wichtig werden könnten. Hätten wir die Zeit, jede Information, die wir aktiv aufnehmen wollen, zu bewerten, würden wir dabei vielleicht etwas lernen. Also Information in Wissen umwandeln. Aber die Zeit nehmen wir uns nicht, weil wir schon mit der Anzahl der Informationen überfordert sind.
- Information ist unnütz, wenn wir sie nicht in Wissen umwandeln.
- Um Information in Wissen umzuwandeln, muss man Zeit investieren.
- Information zu sammeln, ohne sie in Wissen umzuwandeln, ist Zeitverschwendung.
- Wissen ist unnütz, wenn es nicht angewendet wird.